Wintersport ist nicht mein Ding

Ich bin Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre in einem kleinen Ort im Eichsfeld groß geworden und zur Schule gegangen. Wir hatten eine Reihe von Hügeln rund um den Ort, über die Alpenbewohner vermutlich gelächelt hätten, aber für uns waren das richtige Berge. Im Winter gab es immer reichlich Schnee, so gehörten Ski und Rodel zur Standardausrüstung. Rodel galten als mädchenhaft und so wollten natürlich alle Jungs Ski fahren. Aber wie das so ist, Ski waren recht teuer und wir (meine Brüder und ich) hatten alle ein paar alte „Bretter“ im Keller und leider einen etwas übergriffigen Vater, der sich selbst als Experten betrachtete und uns ziemlich nervte. Vor allem mich.

Ich hatte im stolzen Alter von fünf Jahren einen Generalangriff von Augenärzten zu überstehen, die wegen meines Schielens der Ansicht waren, man müsste das nicht schielende Auge abkleben, damit das andere Auge seine vorgeschriebene Sehrichtung einnimmt. Blöderweise war das nicht das eigentliche Problem, vielmehr ist die Sehnervleitung nicht optimal, die Folge ist verminderte Sehkraft, das Abklemmen hat mein „Matschauge“ nur verschlimmert. Die Folge ist, dass ich kein stereoskopisches Sehen beherrsche. Eigentlich nicht schlimm, denn unser Gehirn lernt damit umzugehen und betrügt uns mit den Jahren. Wenn aber die Lernfunktion eingeschränkt wird, indem man künstlich einen Maulwurf herstellt, dann braucht es viel länger, bis unser Gehirn eine Lösung für den „Hardware-Schaden“ gefunden hat. Ok, mit eingeschränkter Sehkraft und fehlendem räumlichen Sehen sind aber einige Sportarten problematisch, bei denen Gleichgewicht gefragt ist.

Mein Skifahren war mit meinem Handicap entsprechend chaotisch, wenngleich mein Mut und meine Unbekümmertheit mich regelmäßig zu wagemutigen Manövern trieben, die meisten grausam aber zumindest ohne große körperliche Schäden ausgingen. Jetzt kommt mein übergriffiger Vater ins Spiel, der meinen Wagemut nicht belohnte, sondern mein Scheitern verhöhnte. Zumindest hat er es geschafft, dass ich über viele Jahre immer Ausreden gefunden habe, mich vor dem Skifahren zu drücken. Wenn also meine Kumpels mit ihren Skiern aufbrachen, dann machte ich nur widerwillig mit und suchte immer einen Weg, mich vor steilen Abfahrten zu drücken. Aber alles Schlechte hat auch gute Seiten, ich habe so gelernt zu allen scheinbar unlösbaren Problemen eine alternative Lösung zu suchen und zu finden.

Ich erinnere mich noch an einen typischen winterlichen Schulsport unter der Bezeichnung „Manöver Schneeflocke“, vor dem ich mich leider nicht drücken konnte. Die Wahl zwischen Schlitten – so girly – oder Ski fiel natürlich zugunsten der Ski. Welcher zwölfjährige möchte schon vor seinen Kumpels als Weichei dastehen. Der Adrenalinkick, den mir dann das Ganze gab, führte natürlich zu Wagemut, einem Sturz und Brettersalat. Ich hatte binnen fünf Minuten mein absolutes Happy End erreicht. Die verfluchten Ski kaputt, ich gesund und mit der Achtung meiner Kumpels.

Ich habe dann später noch ein- oder zweimal ein Abfahrt gewagt und festgestellt, das ist nicht mein Ding. Vermutlich haben meine Kindheitserlebnisse mit den Brettern die zwischenzeitlich deutlich verbesserten Seheigenschaften – oder besser die vom Gehirn vorgetäuschten Seheigenschaften – psychisch kompensiert. So bleibe ich auch heute noch den schmalen gleitenden Brettern fern, wenngleich ich hin und wieder immer mal so ein Verlangen spüre, es doch noch mal zu probieren.

Dann lassen wir das mal so stehen.

Hinterlasse einen Kommentar