Wenn Katzen sterben …

… ziehen sie sich immer stärker zurück. Sie reagieren ängstlich und versuchen einen ruhigen, abgelegenen Platz zu finden, an dem sie ungestört von Konkurrenten oder Feinden den letzten Weg antreten können. Die Katzenpopulation ist, anders als die der Menschen, nicht auf Sehnsucht und Betreuung am Lebensabend ausgerichtet, sondern auf eigenverantwortliches Ende. Das ist kein Vorwurf an die zivilisierte Gesellschaft, sie würde sich zu sehr um das Überleben zum Tode geweihter kümmern, es ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier, der die Abwägung, was noch ein „lebenswerter Zustand“ ist und was nicht. Der selbst bestimmte Tod, das Anrecht der Menschen, über ihr Ende zu bestimmen, vor allem über den Zeitpunkt, dies nimmt ein Tier in freier Wildbahn selbst wahr.

Eine Katze, die ihr Ende kommen sieht, zieht sich zunehmend zurück, sie sondert sich von anderen Katzen ab. Sie weicht den anderen Katzen sogar ängstlich aus. Im Zusammenleben mit den Menschen ändert sich dieses grundsätzliche Verhalten nicht, selbst gegenüber ihren liebenden Zweibeinern reagiert sie ängstlich und teilweise auch aggressiv, aber sie nimmt auch Liebe und Mitgefühl zur Kenntnis. Am Ende stirbt sie nicht allein, sondern in Gesellschaft ihres zweibeinigen Weggefährten.

Die Freude und Liebe, die uns unser Spiky über fast elf Jahre gab, konnte ich ihm an seinen letzten Tagen leider nur zum Teil zurückgeben, da wir viele Stunden bei Tierärzten verbrachten, in der Hoffnung, den noch eine Woche zuvor robusten Kater am Leben zu erhalten. Ich hätte ihm so gern zumindest noch einen Sommer auf unserem hellen, sonnigen Balkon gegeben, aber es sollte nicht sein.

Unser Spiky litt unter einem besonders aggressiven und schnell wachsenden beidseitigen malignen Nierenlymphom, der sich unbemerkt und schnell ausbreitete. Als wir merkten, dass sich Spiky’s Verhalten änderte, war es bereits zu spät. Mit dem Tumor war das Ende vorgezeigt, lediglich das Datum war noch offen.

Seit unserem letzten Umzug, vor gut 18 Monaten hat Spiky, der die Unabhängigkeit vom Menschen genauso liebte, wie deren Fürsorge zwei wunderschöne Sommer auf unserem Balkon verbracht. Er hat auf seinem kleinen Teppich gelegen und gern das Treiben in unserem Karree betrachtet. Die Menschen, die kamen und gingen weckten seine Neugier und besonders die spielenden Kinder hatten es ihm angetan. Er konnte stundenlang in seinem „Schlafpantoffel“ liegen und das Leben um sich herum genießen.

Wenn ihm dann danach war, spielte er mit seinem Kameraden Nelson oder beide trabten mal Seite an Seite, mal im Konvoi durch die Wohnung und forderten Leckerli ein.

Am 27.11., also vor etwa einem Monat, erkletterte er, der sonst immer eher vorsichtig und ängstlich war, zum ersten Mal den neuen Kratzbaum bis zur obersten Ebene, um triumphierend auf uns und auf Nelson herabzuschauen. Kein Mensch hätte da geahnt, dass der Tod schon Kontakt zu ihm aufgenommen hatte.

Am ersten Advent war er super gut drauf, hat intensiv gespielt und dabei unendlich viel Freude gehabt. Zwei Wochen später, am 3. Advent, gab es die ersten Zeichen, dass etwas mit dem Kater nicht mehr stimmt. Er wich ängstlich seinem Kumpel Nelson aus, urinierte in Ecken und er trank dauernd viel Wasser, um große Mengen in das Katzenklo zu urinieren. Eine ungezügelte Fresslust ergriff ihn, der ohnehin immer ein guter Esser war. Er drängelte Nelson förmlich von den Näpfen, um auch dessen Anteil zu verzehren. Wir nahmen dieses Verhalten zunächst als neuen Kampf um den Rang wahr, aber nach einer Woche kamen uns Zweifel und so war der Termin für einen Tierarztbesuch bereits auf den 28.12. fixiert.

Dann ging alles sehr schnell. Am 23.12. hörte er schlagartig auf zu essen und verschmähte selbst seine absoluten Leckerbissen, am 25.12. ging es ihm so schlecht, dass ich an beiden Feiertagen und auch am Sonntag in der Tierklinik war, um ihn mit Infusionen über Wasser zu halten. Das Blutbild zeigte nur erhöhtes Kreatinin, was bei einer Katze seines Alters viel bedeuten kann oder auch nichts. Aber sein schlechter Zustand, die Essensverweigerung, der erhöhte Harndrang, das machte uns zunehmend Sorgen. Der Tierarztbesuch am 28.12. zeigte dann im Röntgenbild große Nieren, einerseits Hoffnung, es könnte statt eine CNI (Chronische Niereninsuffizienz) „nur“ eine Entzündung sein. Also erstmal ein Antibiotikum und der Versuch, ihn zum Essen zu überreden.

Das kleine Katerchen wollte nicht, ich musste ihm Sahne an den Bart schmieren, damit er dann, allerdings bereitwillig, zu schlecken anfing. Aber nur mit Sahne und Leckerli kann man verlorene Energie nicht kompensieren. Er hatte Mühe beim Hinsetzen, pfiff beim Atmen und zog sich zunehmend in die kühle Duschkabine zurück.

Am 29.12. dann wieder Tierarzt, nun half nichts mehr, Bauch rasieren und Ultraschall. Der Atem stockte mir, denn die großen Nieren waren fast vollständig keine Nieren mehr, sondern ein bösartiger Tumor.

Es war klar, der kleine Kater hatte den Kampf gegen einen heimtückischen Gegner bereits verloren. Die Entscheidung war sehr schwer, aber nach Beratung mit seiner Ärztin entschied ich mich, sein Leiden zu beenden, bevor er mir verhungern würde oder unter starken Schmerzen zusätzlich leiden müsste. Ich nahm in ein letzte Mal mit nach Hause, damit wir uns verabschieden konnten, er durfte eine große Portion Sahne schlecken, was er sogar tat und wir schliefen eine letzte gemeinsame Nacht in Eintracht ein. Am 30.11. wurde Spiky von seinem Leiden erlöst. Ich war die ganze Zeit bei ihm, streichelte ihn und sprach mit ihm, auch wenn er bereits in der Narkose schlummerte. Er sollte so wie er im Leben geliebt wurde, auch an der Schwelle des Todes geliebt werden. Er ist friedlich und ohne Leiden eingeschlafen.

Mein geliebter Spiky, wir hatten gemeinsam mehr als zehn Jahre viel Freude und Spaß, nun bist Du Deinem Bruder Micky über die Regenbogenbrücke gefolgt. Gemeinsam mit unserem Felix könnt Ihr Drei dort über den kleinen Nelson wachen, der bei uns geblieben ist. Wir werden ihn so lieben wie Euch und wenn die Stunde gekommen ist, wird er sich zu Euch gesellen.

Lieber Spiky, wir haben Dir Deinen Schlafpantoffel, in dem Du so gern gelegen hast sowie Dein IKEA-Mäuschen, dass Du uns immer laut mauzend gebracht hast, mitgegeben, damit Sie mit Dir eingeäschert werden. Du wirst als Streuurne zu uns zurückkehren und wenn die Sommersonne wieder lacht, werde ich Dich in Deine neue Freiheit entlassen. Du bist zwar nicht mehr unter uns, aber in unseren Herzen bleibst Du immer der geliebte rote Puschelkater mit dem eigenen Sinn.

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