Wir alle kennen das Gefühl, dass wir irgend etwas unbedingt erreichen wollen, von dem wir wissen, dass es uns nicht gelingen kann. Das ist eigentlich nichts Schlimmes, wenn wir irgendwann bereit sind, unsere Grenzen anzuerkennen und uns mit dem Erreichbaren zu begnügen. Das ist kein Plädoyer für Mittelmaß, sondern eine Warnung davor, sich zu überfordern. Nach größeren Leistungen zu streben ist richtig, solange wir damit nicht uns selbst oder andere verletzen. Und das heißt letztendlich, sich zu begnügen.
Sich zu begnügen, das ist immer negativ besetzt, obwohl es eigentlich aus rein rationaler Sicht vernünftig ist. Ich meine, wer hat in seiner Kindheit nicht davon geträumt, einem seiner Idole nachzueifern um dieses dann noch zu übertreffen. An diesem Punkt kommt der Ehrgeiz zum tragen. An und für sich ist Ehrgeiz nicht schlimm, wenn er richtig dosiert zum Einsatz kommt und damit meine ich ein gesundes Verhältnis zwischen Ehrgeiz und Vorsicht. Die Vorsicht nämlich zwingt uns, unseren Ehrgeiz zu drosseln, wenn wir in Gefahr geraten. Doch das ist leichter gesagt als getan, deshalb kommen wir zum Fluch des Ehrgeizes.
Ich habe mehrfach den Fluch des Ehrgeizes erlebt und muss ehrlich sagen, es hilft nicht, sich darüber bewusst zu sein. Es scheint irgendeinen Mechanismus in uns zu geben, der uns in die Falle tappen lässt, bis wir erstmals dadurch Schaden leiden.
Meine erste Begegnung mit dem Fluch war im Kindesalter. Ich hatte gerade einen Unfall überstanden und war der festen Überzeugung, ein großer Fußballer zu werden. Die Chancen standen, soweit man das im Alter von zehn Jahren beurteilen kann, gut und die Späher vom Leistungszentrum hatten tatsächlich in unserem kleinen Ort Halt gemacht, um nach geeignetem Nachwuchs zu suchen. Ich spielte damals tatsächlich in der Kindermannschaft und war so bitter enttäuscht, dass ich nicht zum Zuge kam, dass ich alles hinwarf. Ich war so aufgeregt, dass ich alles falsch machte. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich damals beim Leistungszentrum gelandet wäre, ich möchte es eigentlich auch nicht wissen.
Meine letzte Begegnung mit dem Fluch war im stolzen Alter von 47 Jahren, als ich nach Jahren des körperlichen Faulenzen wieder auf dem Rennrad saß. Ich wollte einfach wieder bei den Besten mitmischen, denn ich ging damals durch ein seelisches Tief. Ich jagte in einem Radrennen meinem Ego hinterher und geriet in einen Sturz, der mich auf der Intensivstation mit sieben gebrochenen Rippen, zwei angebrochenen Wirbeln, Pneumothorax und Einblutung in die Lunge landen ließ. Die Folgen dieses Sturzes haben mich mehr als zehn Jahre lang verfolgt und erst dieses einschneidende Ereignis hat dazu geführt, den Ehrgeiz und die Vorsicht in ein gesundes Verhältnis zu bringen.
Ich weiß nicht oder besser habe nicht zwischen diesen beiden Malen registriert, wie oft mich der Fluch des Ehrgeizes getroffen hat. Aber mir ist mittlerweile bewusst, dass ich erst in die Nähe des Sensenmannes kommen musste, bis ich begriffen hatte, dass es keinen Fluch gibt, sondern dass ich lediglich meinen Ehrgeiz hätte†e zügeln müssen, um von den Folgen eines übersteigerten Ehrgeizes verschont zu bleiben.