Wenn man im jugendlichen Altern die Pubertät erlebt, dann ändert sich zwar im Regelfall das hormonelle Leben, aber man ist noch weit entfernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Als ich stolzen Alter von 16 Jahren endlich meine mittlere Reife erreicht hatte, in der DDR hieß das Abschlusszeugnis der POS (Polytechnische Oberschule), wollte ich schnell von zu Haus weg.
Die Chancen standen gut, die elterliche Überwachung ging mir auf die Nerven und ich hatte bereits nach der 9. Klasse und auch jetzt nach der 10. Klasse die Chance genutzt, in den Ferien im heimischen Kalibetrieb zu arbeiten. Meine Lehrstelle mit Abiturgang hatte ich sicher und was mir besonders am Herzen lag, gegen den Wunsch meiner übervorsorglichen Mutter fand die Ausbildung buchstäblich am anderen Ende der Republik im kleinen Ort Boxberg mit dem neuen großen Kohlekraftwerk statt.

Endlich eigenes Geld, eigene Unterkunft und keine nervigen Aufpasser – das war meine Erwartung. So zog ich denn los, naja zum Auftakt karrten mich meine Eltern mit unserem Auto quer durch die Republik , um mich unbeschadet an meinem neuen Aufenthaltsort abzugeben. Gott sei Dank waren die meisten Eltern ebenso penetrant, so dass die „Übergabe“ relativ unspektakulär und ohne peinliche Situation über die Bühne ging.
Aber sofort kam die erste Enttäuschung, es ging nämlich nicht, wie erwartet ins neue Wohnheim, sondern zu albernen Militärspielen in ein örtliches Ferienlager mit den typischen Wohnbaracken. Unsere Habseligkeiten – mit Ausnahme von Sportzeug, Unterwäsche und Waschutensilien – wurden dann bereits ins Wohnheim geschafft und wir durften die ersten 14 Tage alberne Spiele mit Morgenappell, Frühsport und ähnlich sinnbefreiten Tätigkeiten über uns ergehen lassen. Wir hatten Glück, immerhin waren unsere Ausbilder allesamt frisch von den Hochschulen rekrutierte Lehrkräfte, die Verständnis für unser Unverständnis dieses Lehrauftaktes hatten. Vielen Dank Friedhelm, für Dein Verständnis.
Nachdem die ersten 14 Tage überstanden waren und sich die ersten Freundesgruppen gebildet hatten, zogen wir dann in das gerade fertiggestellte Lehrlingswohnheim ein, aufgeteilt auf Zwei- und Dreibettzimmer, die immer im 2+2- Format zu Wohneinheiten zusammengeschlossen waren und sich dort Waschräume mit Toiletten und Duschen teilten. Das eigentliche Erwachen kam aber, als klar wurde, dass nun an Stelle unserer Eltern nervende Aufseher in Form von Erzieherinnen und Erziehern traten. Unser Ausgang, das heißt das unbeaufsichtigte Verlassen des Ausbildungsgeländes war auf den Zeitraum von 6 bis 20 Uhr begrenzt und das galt für alle Wochentage, also auch für das Wochenende. Wenn man länger rauswollte, musste man erst Ausgang beantragen.
Aber zunächst gab es erstmal ein mehrwöchige Quarantäne, denn bei unseren „Kriegsspielen“ war ein Teilnehmer an Ruhr erkrankt und nachdem der erste, der schon Sehnsucht nach Mama und Papa hatte, Symptome als „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte genutzt hatte, verlängerte sich die Quarantäne für alle anderen noch ein wenig. Die gute Seite am Ganzen war, dass ich mich nicht für mein seltenes Heimfahren rechtfertigen musste, schnell lernte meine Wäsche zu waschen und natürlich kamen wir uns im Wohnheim ziemlich schell näher.
So war mein Start ins Erwachsenenleben ganz anders, als ich ihn erwartet hatte. Ich musste noch zwei Jahre lang damit leben, dass ich „erzogen“ werden sollte, bevor ich mit 18 Jahren volljährig wurde. Wenn ich heute zurückdenke muss ich immer wieder innerlich lachen, wenn ich an die vielen lustigen Erlebnisse denke, an den super Zusammenhalt zwischen den Bewohnern, der bis heute in vielen dauerhaften Freundschaften erhalten is und ich denke auch mit Schmunzeln daran, dass unser „Aufseher“ von damals oftmals eher wie große Geschwister waren und manche unter ihnen ganz anders reagiert haben, wenn wir uns mal wieder einen Streich ausgedacht hatten.
Ehrich gesagt, es war eine schöne Zeit und ein idealer Einstieg in ein eigenständiges Leben. In den nächsten Wochen werde ich ein wenig über meine Erlebnisse in der Lehrzeit berichten, natürlich mit dem Blick der Erinnerung über eine Zeit die mittlerweile fünfzig Jahre zurückliegt. Ich finde sicherlich auch noch das eine oder andere Foto aus der Zeit, was ich beisteuern kann. Das wird lustig.
Ich hätte nie erwartet, dass ich mich mit mehreren meiner damaligen Kumpels fünfzig Jahre später noch regelmäßig hier in Berlin treffe, um ein Bierchen zu trinken, miteinander zu plaudern und natürlich auch über alte Zeiten spreche und lache. Danke an Dieter, Uwe und Rüdiger für die tolle Zeit damals und heute.