In meiner Erinnerung sind Schulferien immer das Gefühl maximaler Freiheit gewesen. Da ich faktisch meine ganze Schulzeit, bis auf das letzte Schuljahr auf dem Lande verbracht habe, gab es immer die Möglichkeit durch die Wälder zu streifen oder mit Gleichaltrigen irgendwo abzuhängen. Meine großen Brüder fanden mich eher lästig, meine Mutter wollte mich in Obhut sehen und versuchte mich in das örtliche Ferienprogramm zu stecken, aber das fand ich nicht spannend. Eine zweite Methode war, mich zu den Großeltern zu stecken. Die waren nicht so modern, wie heute die Großeltern, es war halt die Kriegsgeneration, die noch anders getickt hat und das Zusammenleben in den Ferien war recht kompliziert. Allerdings war der zweite Mann meiner Großmutter ein Super-Opa, mit dem ich einiges unternehmen konnte. Aber am Wichtigsten war, dass meine Großeltern in der Stadt wohnten, so konnte ich einmal im Jahr dem Landleben entfliehen, denn ich fand die Stadt mit ihren eigenen Gerüchen, den vielen Autos und Bussen, der Straßenbahn und dem Trolleybus einfach viel besser, as das Dorf. Ich war lange traurig, dass ich nie ins Ferienlager konnte, aber das hat sich dann schnell geändert.
Ich war ein einziges Mal in einem Ferienlager und ich fand das nicht besonders interessant, es mag an meinem Alter gelegen haben. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube ich war gerade 12 Jahre alt geworden. Es war das Betriebsferienlager und für die Teilnahme mussten die Eltern einen Antrag stellen. Wir wohnten in Bischofferode, einem kleinen Ort im Eichsfeld, der durch den Kalibergbau über eine ursprüngliche Größe angewachsen war. Ein großes Neubauviertel am oberen Ende des eigentlich keinen Dorfes ihm alle Zugezogenen auf, denen das Kaliwerk mit seinem Untertagebetrieb und der Düngemittelfabrik Arbeit gab. Mein Vater war als Büroangestellter beschäftigt und meine Mutter hatte nach ein paar aufregenden Jahren als Wirtschaftsleiterin des örtlichen Kindergartens den Beruf an den Nagel gehängt. Das waren schlechte Voraussetzungen für das Ferienlager, denn wenn ein Elternteil zu Hause war, dann fiel man meistens durch das Raster und mein Vater war trotz seiner gehobenen Stellung niemand, der sicher für seine Familie eingesetzt hat. Meine Brüder waren bereits ausgeflogen, so galt die unendliche Aufmerksamkeit meiner Mutter mir und das fand ich wiederum nicht so gut. Das Ferienlager kam mir insofern gelegen, dass ich in den langen Sommerferien für zwei Wochen weit weg war.
Ich kannte Geschichten aus dem Ferienlager nur von anderen, die waren jetzt nicht unbedingt vertrauenswürdig oder interessant, aber mit zwölf Jahren und vorpubertär waren Erzählungen über Flaschendrehen und Küssen schon ein großes Ding. Wenn ich heute so zurückdenke, dann muss ich schmunzeln, wie einfach man als 12jähriger gestrickt ist.
Unsere Ferienlagerfahrt ging in den Norden, in die Nähe von Goldberg, wo am Dobbertiner See das Betriebsferienlager eingerichtet war. Meine Erinnerungen daran sind unscharf, ich kann mich daran erinnern, dass wir zu viert in kleinen Bungalows wohnten. Wir versuchten, dem organisierten Lagerleben zu entkommen, was allerdings nicht leicht war. Irgendwann gab es ein Tour mit dem Bus nach Goldberg, der Ort ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Etwas nervig waren die regelmäßigen Morgenappelle und das fast paramilitärische Gehabe, wenn es zum Essen ging. Die Betreuer waren Studenten, die versuchten, uns am Abend loszuwerden, um ihr eigens Ding zu machen. Wenn wir unter uns waren, dann gab es schon die ersten Annäherungen zwischen den Geschlechtern, aber die waren halt ziemlich unbeholfen und weit weg von den Geschichten, die so erzählt wurden. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es damals Fleckenteufel gab, von dem man licht high werden konnte. Dazu wurde durch einen zweiten die Luft aus der Lunge drückt und dann kräftig am Fleckenteufel geschnüffelt, da war man kurz schwerelos. Das wär eigentlich harmlos, aber nachdem irgendwo mal ein Unfall passiert war, wurde es unter Androhung von Strafen verboten und damit wurde es erst richtig interessant. Aber das war schon so ziemlich alles.
Als die zwei Wochen um waren, ist mir klar geworden, dass ich zuvor nichts verpasst hatte, denn meine Kumpels waren im Ferienlager nicht dabei und mit anderen einen Draht zu finden, war nicht so einfach, da die meisten sich schon vorher kannten und man es als Außenstehender schwer hatte, Kontakt zu finden. Was mir damals klar wurde, man muss im Leben immer feste Freundschaften schließen, die überdauern oftmals auch lange Zeit und große Entfernungen. Für das Ferienlager war ich wohl in der unglücklichsten Altersgruppe, denn mit 12 ist man kein richtiges Kind mehr, dass beliebig Kontakte findet, aber auch nicht nicht alt genug, um ernsthafte Freundschaften zu schließen.
In den späteren Jahren habe ich die Schulferien genutzt, um Freundschaften zu schließen. Mit 15 musste ich nochmals die Schule wechseln, da wir in einen anderen Ort zogen. Es fiel mir da schon viel leichter, neue Freunde zu finden und ich bin froh darüber, wenn diese Freundschaften halten bis heute.
Ich habe seit meinem sechzehnten Lebensjahr immer wieder meinen Lebensmittelpunkt verlagert, sprich habe immer an neuen Orten gelebt und ich glaube, dass mir vor allem mein Schulwechsel zum Ende der Schulzeit die nötigen Impulse geliefert hat, immer wieder neue Freundschaften zu knüpfen und zu erhalten. Ich war deshalb froh, dass sich min Kinder früh von uns abgenabelt haben und schnell einen großen Freundeskreis gefunden haben. Denn wenn von den Schulferien eins wichtig ist, dann ist es in der Tat, die Zeit zu nutzen, um sich aus dem Familienleben zu verdrücken und Kontakte zu knüpfen, zu anderen Menschen mit unterschiedlichen Interessen und aus unterschiedlichen Gruppen, um unseren eigenen Horizont zu erweitern un eventuell Freunde fürs Leben zu finden.