Klassentreffen sind eine Art biografischer Spiegel. Immerhin hat man mit vielen Menschen mehrere gemeinsame Jahre verbracht, hat sich gemocht, gemieden oder im schlimmsten Falle gehasst. In der Jezttzeit, grammatikalisch richtiger im Präsenz hatte man immer eine bestimmte Sicht auf alles. Jetzt, im Plusquamperfekt aus der Zukunft quasi betrachtet, fühlen sich viele Dinge anders an.
Es beginnt damit, dass man auf einmal Geschichten aus einer anderen Sicht erzählt bekommt, der Spiegel zeigt nicht immer das Gesicht, dass man in der eigenen Erinnerung hatte. Im glücklichsten Falle haben sich die Erlebnisse so angeglichen, dass man gemeinsam darüber lachen kann. Insofern liebe ich alle Klassentreffen, wenn ich meine Freunde, Feinde und die Unsichtbaren aus meiner Kindheit und Jugend wieder treffe.
Ich hatte im letzten Jahr zwei solcher Treffen. Im September habe ich meine Schulklasse wieder getroffen, genauer gesagt, meine letzte Schulklasse, denn ich musste wegen Ortswechsel zweimal auch die Schule wechseln. Mein erster Schulwechsel war gleich zu Beginn meiner Schulzeit. Gerade eingeschult und für ein halbes Jahr in der Schule, zogen wir von Zwickau nach Bischofferode, einem kleinen Ort südlich des Harzes. Der Schulwechsel war für mich ein kultureller Schock, aus der Großstadt aufs Dorf. Dort verbrachte ich fast meine gesamte Schulzeit.

Für mich am verblüffendsten war eigentlich, dass mich die viele meiner Ehemaligen schnell wiedererkannten, ich dagegen lange brauchte, mich an alle zu erinnern. Unser letztes Treffen war 2019, leider habe ich nur ein älteres Foto von 2015. Beide Treffen waren sehr bewegend, war ich doch 40 Jahre nicht mehr in Bischofferode gewesen.


Die Klassentreffen in Sondershausen, wo ich nur ein Jahr zur Schule ging, waren jedesmal ein Highlight. Ich hatte schnell Freunde gefunden und wir waren fast das ganze Jahr über zusammen und haben viel unternommen. Dazu kam natürlich, dass ich mit damals fast 16 Jahren auch schon viel eigenständiger war, als zuvor. Wir haben uns mittlerweile schon viermal getroffen und mir sind alle immer noch sehr ans Herz gewachsen. Zwischen den beiden Bildern liegen 10 Jahre, dabei haben wir jedes mal so Aufstellung genommen, wie auf unserem Abschlussfoto. Leider sind einige meiner Klassenkameraden mittlerweile nicht mehr unter uns.

Etwas ganz besonderes sind auch die regelmäßigen Treffen unserer Lehrklasse. Es war eine Zeit, in der wir fast alle zum ersten Mal eigenständig und weg von zu Hause unser Leben gestalten mussten. In den drei Jahren sind wir zusammengerückt und haben unser soziales Verhalten entwickelt, dass meine Generation besonders macht. Unsere Fähigkeit, sich zu arrangieren, miteinander zu kommunizieren und sich auf Kompromisse zu einigen, verbinde ich eng mit der frühen Trennung vom Elternhaus und dem Zusammenleben mit Gleichaltrigen in größeren Gemeinschaften.

Klassentreffen sind mehr als nur das Wiedersehen und Bereden, was aus jedem geworden ist. Sie sind der lustige und wehmütige Austausch über das gemeinsam Erlebte, das Begraben von alten Streitigkeiten, soweit noch nicht geschehen und das fröhliche Diskutieren, wie wohl die nächste Zusammenkunft aussieht. Ich glaube, sie sind aber auch ein wichtiges Werkzeug, um über alle sozialen Gruppen hinweg alte Freundschaften zu pflegen. Ich freue mich auf möglichst noch viele Klassentreffen und auf den Austausch mit alten Freunden und Bekannten.