Nostalgie in Schwerin

Mit Schwerin – der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern – verbindet mich ein wichtiges Ereignis in meinem Leben. Allerdings war Schwerin damals noch eine Bezirksstadt in der DDR.

Ich hatte Schwerin zuvor schon einmal in der – ich glaube 9. Klasse meiner Schulzeit – als eine Art Abschlussfahrt vor meinem Schulwechsel besucht. Daran habe ich nur knappe Erinnerungen. Wir fuhren mit der Klasse zu einer Austauschschule, übernachteten in der eigens dafür hergerichteten Turnhalle und absolvierten ein vorgeplantes Programm. Nichts, was man ernsthaft in der Erinnerung behält. Das war 1974. Unmittelbar danach zog meine Familie nach Sondershausen, wo ich mein letztes Schuljahr an der POS absolvierte. Ich hatte im Gedächtnis eigentlich nimmer nur die vielen Seen, die sich um die Stadt herum und in der Sand selbst befinden und eine Art Traumlandschaft erzeugen. Das Schloss, war anders als an anderen Orten, bereits zum Ende der 70er Jahre liebevoll erhalten bzw. restauriert worden und auch der Bismarck ritt hoch zu Ross durch den Schlossgarten, umringt von seinen dankbaren mecklenburgischen Kriegern und Kriegerinnen.

Meine prägende Erinnerung liegt im Jahr 19I81. Ich war im letzten Jahr meines Wehrdienstes, hatte wieder einmal ein nettes Mädel kennengelernt und schon mehr als ein Jahr regelmäßig getroffen. Das war für meine Verhältnisse ungewöhnlich, eine Verlobung war vor zwei Jahren gescheitert, auf eine feste Partnerschaft hatte ich eigentlich keine Lust. Aber immerhin konnte man entspannt gemeinsam in den Urlaub fahren. Zelten war damals, anders als heute, noch richtiges Zelten mit einem kleinen Zelt, Luftmatratze und Schlafsack, Campingkocher, Tütensuppe und Rotwein aus Pappbechern. Außerdem war zelten Freiheit und Natur, preiswert und unterhaltsam. Das Richtige für Pärchen Anfang 20. Im Norden von Schwerin befand sich ein großer, für DDR-Verhältnisse luxuriöser Zeltplatz in der kleinen Gemeinde Seehof. Ich kante viele Zeltplätze an der Ostsee und anderswo, die Duschen und das Sanitärzentrum, die große Kneipe und das zeltplatzeigene Kino waren deutlich über Standard. Dort fand mein eigentliches Erlebnis statt, denn ich hatte mich zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder einmal zu einem gemeinsamen Urlaub mit einer festeren Freundin verabredet. Es bestand durchaus die Übereinkunft, es miteinander zu versuchen und so wurde dieser Urlaub zum ersten gemeinsamen Urlaub einer heute 45 Jahre bestehenden Verbindung.

Sprung in die Gegenwart. Mit Mitte 60 mag man dann doch schon gerne etwas mehr Luxus und der wurde uns in unserer Unterkunft geboten. Wir wurden im Hotel Speicher am Ziegelsee mit Rosenblättern empfangen und nahmen gleich die Möglichkeit wahr, bei schönem Wetter den Ziegelsee zu bewandern. Nach Studium der Speisekarte speisten wir abends a la carte im Hotel, ein Candle-light-Diner am Hochzeitstag war bereits im Paket enthalten. Ich habe das Hotel und das Restaurant bei Google rezensiert, sehr zu empfehlen.

Zurück in das Jahr 1981. Es war mein letztet Urlaub während meines Wehrdienstes und meine verständnisvolle Führungskraft an meinem Stützpunkt in Dresden hatte mir tatsächlich das Recht zum Zelebrieren eines vollkommen zivilen Urlaubs eingeräumt. So borgten wir das Bergzelt meines Bruders und fuhren mit Bahn und Bus nach Seehof, um uns dort für vierzehn Tage eine gemeinsame Probezeit zu gönnen. Ich denke heute immer mal wieder daran zurück, immer in dem festen Bewusstsein, dass ich damals eigentlich schon meine Wahl getroffen habe, mit wem ich mein Leben verbringen möchte. Bei allem, was danach bis zu unserer Eheschließung stattfand, war in meinem Unterbewusstsein immer meine heutige Frau dabei.

In Schwerin konnten wir alles quasi im Zeitraffer tun, was man später in einer langjährigen Ehe erlebt. Wir konnten gemeinsam übers Wasser paddeln, Ausflüge unternehmen, Museen besichtigen, wandern uns streiten kochen und uns lieben. Wir konnten lernen, ob wir uns bei einem Streit auf unseren 2qm „Wohnfläche“ wieder vertragen. Es hat funktioniert. Heute mit knapp 100qm kann man sich bei Streit schonmal eher aus dem Weg gehen. Aber das gehört halt auch zu einer Partnerschaft dazu. Immer nur Eintracht ist auf Dauer ungesund. Schließlich lernen wir im Streit, aufeinander zuzugehen.

Entscheidung zum Nostalgie-Urlaub. Alles das hatte ich im Kopf, als ich überlegte, was wir in diesem Jahr zu unserem Hochzeitstag unternehmen könnten. So fiel die Wahl auf Schwerin, wo wir drei interessante Tage erlebten, mit Stadtbesuch, wir waren im Zoo, genossen am Abend ein Candle-light -Diner und konnten uns bei Wellness im Spa-Bereich erholen. Das Schloss hat immer noch seine romantische Ausstrahlung auf seiner eigenen kleinen Insel, mit dem liebevoll gepflegten Burggarten und im Schlossgarten hinter der Brücke mit Blick auf das entfernte Gutshaus nach französischem Vorbild kommt uns der Bismarck entgegengeeilten, wie schon vor 45 Jahren, als ich ihn zum ersten mal dort antraf. Damals übrigens mit einer großen Tüte Tomaten in der Hand. Im Sommer 1981 gab es Tomaten im Überfluss und ich habe fast an jedem Tag eine Unmenge Tomaten verspeist. Woran man sich doch erinnern kann, wenn einem etwas wichtig ist.

Lustig war auch unser Besuch im Schweriner Zoo. Ich sagte noch zu meiner Frau, da kommen wir extra aus Berlin mit zwei riesigen Zoos nach Schwerin, um uns im Zoo von Katta, Pinguinen, Tigern, Löwen und Faultieren beobachten zu lassen. Nun gut, Ameisenbär und ein paar andere waren auch dabei und zum Schluss gabs noch ein Plüsch-Leopardenjunges, dass wir auf den Namen Charlie tauften.

Warum schreibe ich das alles? An alle die frischen oder nicht mehr ganz so taufrischen Pärchen, verliebt, verlobt, verheiratet oder sonst irgendwie verbunden. Fahrt nach Schwerin und gönnt Euch ein paar Tage am oder auf dem Wasser vor dem oder im Schloss, im Hotel oder auf dem Zeltplatz. Pilgert durch die Stadt und an die Seen, leiht Euch ein Tretboot- oder Paddelboot oder fahrt mit der Weißen Flotte. Oder aber fahrt sonstwo hin und nehmt im Zeitraffer den ganzen Pärchenkram durch, mit Streit, Versöhnung, Teamwork und fragt Euch danach, ob das schön war. Wenn ja, das wisst Ihr es wahrscheinlich.

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