Die Stadt Zwickau in Westsachsen ist wahrscheinlich den meisten im Internet nur bekannt durch die von verwirrten Neonazis verübten Morde in den Jahren 2000 bis 2006. Leider, denn diese Stadt hat in vielen Dingen eine viel interessantere Historie.
Wenn man die Stadt kennenlernen möchte, dann sollte man sich ein paar Tage in einem der vielen Hotels im Zentrum der Stadt einquartieren. Wenn es etwas exklusiver sein soll, dann ist man im First Inn Hotel Zwickau am Kornmarkt gut aufgehoben. Nur wenige Gehminuten vom Stadtzentrum mit Robert-Schumann-Haus, St. Marienkirche und Hauptmarkt mit Theater entfernt und unmittelbarem Anschluss zur Straßenbahn kann man von dort aus in Ruhe die Stadt erkunden.





Ein kurzer Einblick in einige wenige Ecken vor Ort mit Kornmarkt, Hauptmarkt, Stadttheater, Figuren an der Marienkirche und meinem Geburtshaus.
Was ist nun so interessant an dieser Stadt mit den knapp 90Tsd. Einwohnern? Sie war einst eine Wiege der deutschen Autoindustrie, sie war Bergbauzentrum des ostdeutschen Kohlebergbaus und sie war war auch meine Wiege, denn hier wurde ich vor nunmehr 67 Jahren im städtischen Krankenhaus geboren.
An meine frühe Kindheit erinnere ich mich nur mit einigen Schlaglichtern, immerhin brach meine Familie Mitte der 60er Jahre mit mir im damals frischen Alter von 6 Jahren bereits ein halbes Jahr nach meiner Einschulung auf, um sich für viele Jahre im Eichsfeld niederzulassen. Wie so oft, sollten erfahrene Bergleute im Eichsfeld bei der Errichtung der Kali- und Salzindustrie mitwirken. Ich erinnere mich an die Stunden bei meinen Großeltern und in meinem Geburtshaus, an das Spielen im Innenhof unseres Hauses und an das wütende Schimpfen unseres Hausverwalters über uns ungezogene Kinder. Ich erinnere mich an Touren mit Straßenbahn zum Krankenhaus und von dort Wanderungen durch den Weißenborner Wald an deren Ende die Rückfahrt mit dem Trolleybus stand. Schon die Fahrten mit Bahn und Bus waren für mich bleibende Erinnerungen. Dabei ging es vorbei an dem Automobilwerk Sachsenring, an dem einst die Firma Horch Staatskarossen fertigte und die nach dem Krieg dazu diente den als erste Vollplastikkarosse in Serie gefertigten Trabant 600 und dann Trabant 601 zu fertigen, der mit seinem Zweitaktmotor den typischen Benzingeruch an allen Kreuzungen produzierte.
Wer die Wiege der Autoindustrie – insbesondere der heute in Ingolstadt produzierten Fahrzeuge mit den berühmten vier Ringen der Autounion – kennenlernen will, der kann im Horch-Museum auf dem Gelände der ehemaligen Trabantfabrik in der Vergangenheit eintauchen. Die vier Ringe im Symbol des heute als Audi vertriebenen Fahrzeuges gehen auf die Fusion der vier sächsischen Werke DKW, Horch, Wanderer und Audi, die seinerzeit ihren Sitz allesamt in Sachsen (Zschopau, Zwickau und Chemnitz) hatten und vom Kleinwagen bis zur Luxusklasse die gesamte Fahrzeugpalette abdeckten, aber insbesondere in Bezug auf Sicherheitstechnik im PKW wichtige Maßstäbe setzten.











Mit dem Museum wird einer langjährigen Tradition im Autobau ein Denkmal gesetzt, auch wenn mittlerweile nach der Einstellung der Produktion des Trabant nichts mehr davon übrig ist. Und mal ehrlich, wer sich die alten Fahrzeuge anschaut, der schnalzt beim Design unbewusst mit der Zunge. Das ist doch was anderes, als der heute Einheitsbrei der überschweren Batteriekarren.


Leider auch nichts mehr übrig war zum Zeitpunkt unseres Besuches mehr vom Städtischen Ringcafe, in dem wir hin und wieder mit den Eltern oder Großeltern saßen und einen Eisbecher oder Kuchen genießen konnten. Zumindest fanden wir dann gleich um die Ecke ein kleines Café, das nett eingerichtet und zu einem kleinen Imbiss einlud. Dort konnte ich einen Windbeutel genießen und mit der Eigentümerin, die aus Zwickau stammt und nach einigen Jahren andernorts wieder zurückkam, über meine Erinnerungen an die belebten kleinen Einkaufsstraßen zwischen dem Poetenweg mit dem Kino und gegenüber meiner Schule (Alfred Leuschke), der Kreißigstraße (mit meinem Geburtshaus) und dem innerhalb des Dr.-Friedrichs-Rings des Hauptmarktes austauschen. Es war eine Strecke, die ich als kleiner Junge regelmäßig mit meinem Roller zurücklegte. Ich startete bei uns zu Hause, überquerte trotz mütterlichen Verbots den Ring, fuhr entlang der Straßenbahn bis zum Hauptmarkt und kehrte dann über die Innere Plauenscher Straße nach erneutem Queren des Rings über die Äußere Plauenscher Straße und den Poetenweg nach Hause zurück. Natürlich beteuerte ich immer, das elterliche Verbot eingehalten zu haben. Ich weiß nicht, ob meine Mutter mir das jemals geglaubt hat, aber zumindest war sie froh, wenn ich unbeschadet und erschöpft wieder zu Hause auftauchte.
Ich erinnere mich auch gern an die Besuche bei meiner Großmutter Helene, die in der Bahnhofstraße wohnte und in einem kleinen Kiosk an der Hauptpost unmittelbar am Schwanenteich arbeitete. Von dort holte ich sie manchmal ab und dann fuhren wir mit der Straßenbahn zum Bahnhof, an dem man die großen Dampfloks und auf dem Vorplatz die lauten und miefenden Busse betrachten konnte, die an alle möglichen Orte außerhalb von Zwickau fuhren. Außer mein Lieblingsbus, der Trollen, der fuhr unweit von zu Hause, vom Poetenweg aus wahlweise nach Weißenborn zum Erholungswals oder in die Gegenrichtung nach Stenn. Es war ein Erlebnis, quasi geräuschfrei durch die Stadt zu gleiten, besonders mochte ich die Fahrt im Hänger, nicht meine Großmutter, die es dort unheimlich fand.
Zu meiner anderen Großmutter mit ihrem zweiten Mann, liebevoll Onkel Max genannt, ging es entweder zu Fuß über die Paradiesbrücke und die Gartenkolonie zum damaligen Forberger-Hof am Amseltal, wo meine Großeltern in einem Nebenbau an einer alten Mietskaserne wohnten, der irgendwann einsturzgefährdet war. Als Kind in den Schulferien war ich regelmäßig dort zu Besuch. Meine Eltern brachten mich immer mit der Bahn oder einem fetten Firmenwagen (EMW) dorthin und holten mich nach zwei oder drei Wochen wieder ab. Das Leben in der Stadt war für mich immer anregend. Wenn andere sich über die Hektik der Städte beklagen, so finde ich das bunte Treiben, das anonyme Leben in einer großen vielfältigen Menschentraube mit unzähligen täglichen Kontakten und Interaktionen gerade schön. Wir können so Erlebnisse scannen und speichern und wir haben immer die Möglichkeit, mit den verschiedensten Personen in Kontakt zu kommen. Heutzutage, wo fast alle nur noch auf ihr Mobiltelefon starren und sich so von der Welt abkoppeln, ist das nicht mehr so schön. Ich glaube, auf die Dauer wird sich diese Isolation negativ auf die Psyche auswirken. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Aggressivität und Egoismus durch die zunehmend Selbstisolation, fehlende spontane Gespräche und Kontakte ein schweres Problem der nächsten Generationen werden.
So, genug geschrieben. Es hat mir wieder viel Spaß gemacht, hier ein wenig zu philosophieren, Erinnerungen auszugraben und gleichzeitig ein wenig zu plaudern. Bis zum nächsten mal.