Kindheitserinnerungen

Habt Ihr schonmal versucht, Euch daran zu erinnern, was in der Kindheit – und damit meine ich die Jahre von eins bis zehn – passiert ist? Schwierig? Ja. Wie kann es sein, dass wir uns nur bruchstückhaft an die Jahre erinnern, von denen die Evolutionsbiologen sagen, sei wären bestimmend dafür, was wir einmal werden.

Ich persönlich erinnere mich nur an wenige Ereignisse und habe viele Jahre darüber gebrütet, wie diese Ereignisse mein Leben beeinflusst haben. Vorweg, ein paar Gedanken zu unserem Gehirn. Wir sollten uns das vorstellen, wie einen hocheffizienten Speicher, bei dem alles durch elektrische Impulse eingelagert und später abgerufen wird. Wir sind allein in den ersten zehn Jahren mit enorm vielen Reizen überflutet, die über Augen, Mund, Nase und Ohren auf vielfältige Sensoren in unserem Körper wirken und von dort als Impulse an unseren zentralen Speicher geleitet werden. Dazu kommen alle Reize, die wir sensorisch über unsere Tastnerven aufnehmen.

Wer einen so enormen Speicher auf so kleinem Raum hat, der muss effektiv mit dem „Speicherplatz“ umgehen. Unsere Hirnströme filtern also vor, indem alle Reize wieder zerlegt und irgendwo als Reste abgelegt werden. In den ersten Jahren bilden sich die Vernetzungen der Synopsen heraus. Die sind später wichtig, um Erinnerungen abzurufen, denn wir gründen alles was wir tun oder denken auf dem, was wir schon mal irgendwie oder irgendwo aufgenommen und abgespeichert haben. Wenn das so ist, müssten also Erinnerungen umso stärker sein, je öfter sich ihre Schemen in der Vergangenheit wieder ereignet haben. Wieso erinnere ich mich dann vor allem an Dinge, die nur einmal passiert sind, die aber starke emotionale Reaktionen bei mir ausgelöst haben? Ich habe jahrelang geglaubt, dass mich Erinnerungen, wie das plötzliche Alleinsein im Wald, das zugeklebte Brillenglas oder der gebrochene Arm beim Schulsport in der dritten Klasse geprägt haben. Heute weiß ich es besser. Das sind unikate Episoden, die ziemlich starke elektrische Impulse erzeugt haben, so dass sie auch als Unikat im Speicher verblieben sind, mein Leben haben sie nicht beeinflusst.

Ich glaube, die Erinnerungen – die als Unikat immer wieder auftauchen, wenn wir uns „aktiv“ erinnern, zwar einprägsamer, aber eigentlich nur eine Laune der Natur. Wichtiger sind die Erinnerungen, die gar nicht mehr auftauchen, weil sie in unsere Routinen übergefangen sind, wie das Rad- oder Autofahren, das Essen mit Messer und Gabel – kein Joke – das Schwimmen, Laufen, Sprechen, Schreiben und Lesen, Zeichnen usw. usf.

Aber alles das, was wir täglich bewusst oder unbewusst tun, ist für uns so selbstverständlich geworden, dass wir es gar nicht mehr als Erinnerung wahrnehmen. Wer erinnert sich schon daran, wann er das erste Mal gelesen, geschrieben oder mit Messer und Gabel gegessen hat?

So, was ist nun mit den Erinnerungen an die Kindheit? Wir sollten sie bewahren, denn sie sind ein Kleinod, dass uns daran erinnert, was wir erlebt haben ohne es wirklich gebraucht zu haben, sie sind ein Zeichen, dass wir keine Maschinen sind, die nur das nützliche Wissen speichern, sondern, dass wir Emotionen haben, die uns hin und wieder daran erinnern, dass wir leben.

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