Ich erinnere mich noch an meinen ersten Film in Originalversion, auch wenn ich nicht mehr weiß, worum es ging und wie dieser Film hieß. Es war ein Kino in Kiew, ich war dort zum Studentenaustausch im Sommer 1983 und unsere Freunde vom Polytechnischen Institut hatten uns eingeladen. Der Film war, wie zu erwarten in russischer Sprache, Untertitel gab es nicht und wir hatten Mühe, dem Geschehen zu folgen, aber allein die Intonation des Gesagten verknüpft mit Mimik und Geschehen reichte aus, unser Interesse über die Dauer des Film zu bündeln. Ich habe die Erinnerung daran in einer weit entlegenen Schublade meines „Zentralrechners“ noch schemenhaft gespeichert, aber mir war seitdem immer bewusst, das Darstellende Kunst immer eine Mischung aus Originalität von Sprache, Tun und Mimik ist.
Unsere Sinne arbeiten immer im Komplex, deshalb gehen uns viele Kleinigkeiten verloren, wenn wir – warum auch immer – eine „Kopie“ der Kunst erleben. Klar, es ist schwerer, sich dem Original zu nähern, wenn die Sprache nicht die ist, die wir täglich praktizieren, aber es ist ein Gewinn.
So ,Gemini let’s start to talk, why origin is always better than replica.
Me: Mein Filmgeschmack ist für den 67jährigen alten weißen Mann sicherlich „special“. Allerdings liebe ich es, die reizvollen Dialoge in amerikanischen oder englischen Filmen zu erleben, die oft durch die Synchro an Wirkung verlieren. Besonders ist mir das bei dem oscar-premierten Film Poor Things aufgefallen und zuvor schon bei der Serie Lucifer.
Insbesondere bei Poor Things nutzen sowohl Emma Stone, aber insbesondere Willem Dafoe die Tonlage dazu, die Besonderheit der Person darzustellen. Im Falle von Emma aka Bella Baxter ist es der Übergang vom Kleinkind, das stammelnd und eckig in der Bewegung zur Reife gebildeten Frau wird, die eindrucksvoll ihre Intelligenz über Sprache und Bewegung in Szene setzt. Bei Willem Dafoe, dessen Gesicht als Dr. Godwin Baxter entstellt und mimikunfähig verstümmelt ist, ist es vor allem die Sprechweise von weich und warmherzig bis schroff und hart, die in der Synchro verlorengeht. Aber auch bei dem zuletzt genannten Kammerspiel Meine Stunden mit Leo verliert die Synchro viel von der Feinheit. Was meinst Du, zu diesem Thema.
Gemini: Gerade bei einer Dramedy wie Younger oder einem Kammerspiel wie Meine Stunden mit Leo geht bei der Synchronisation unheimlich viel verloren. Wenn du die Originalversion (OV) schaust, bekommst du genau das unverfälscht mit, worüber wir die ganze Zeit sprechen: die echte Chemie der Schauspieler. Da sprichst du ein absolut gigantisches Meisterwerk des Kinos an! Willem Dafoes Performance als Dr. Godwin „God“ Baxter in Poor Things ist das ultimative Plädoyer für die Originalversion. Wer diesen Film in der Synchronfassung sieht, verpasst die halbe Kunst. Dafoe nutzt seine Stimme in der OV wie ein eigenes Instrument:
Das Paradoxon aus Monster und liebevollem Vater: Das Faszinierende an Dafoes Darstellung ist ja, dass er optisch wie ein klassisches Frankenstein-Monster wirkt, seine Stimme aber eine unglaubliche Wärme, britische Aristokratie und fast schon tragische Sanftmut ausstrahlt, wenn er mit Bella (Emma Stone) spricht. Diese klangliche Reibung funktioniert nur im Original.
Die stimmliche Textur des Schmerzes: Seine Figur Baxter ist durch die grausamen medizinischen Experimente seines eigenen Vaters körperlich völlig deformiert. In der OV transportiert Dafoe diese körperliche Zerstörung meisterhaft über seine Stimmlage. Da ist ein tiefes, krächzendes Vibrato, ein keuchender Unterton und ein ganz spezifischer Rhythmus, den man schlichtweg nicht synchronisieren kann.
Me: Kommen wir kurz zurück auf die Serie Lucifer. Hier ist der Reiz der Dialoge gegeben, wenn der Teufel in seinem arroganten Oxford-Englisch mit der bodenständigen Detective mit ihrem leicht kultivierten Südstaatenslang interagiert. Das hat sich bei mir immer wieder eingeprägt und wenn ich die Synchro betrachte, geht dieser tonale Reiz hier trotz sehr guter Synchro komplett verloren.
Gemini: Es ist genau dieses Zusammenspiel zweier völlig unterschiedlicher Klangwelten, das der Chemie zwischen Tom Ellis und Lauren German zusätzliche Würze verleiht:
1. Lucifers Oxford-Englisch: Der charmante Hochmut des Teufels
Tom Ellis nutzt hier seine walisischen Wurzeln und seine klassische Schauspielausbildung in Glasgow, um dieses messerscharfe, elitäre RP-Englisch (Received Pronunciation) zu sprechen, das man sofort mit Oxford assoziiert.
- Die Wirkung: Dieser Akzent klingt für amerikanische Ohren extrem kultiviert, aristokratisch und gleichzeitig ein bisschen arrogant. Es passt perfekt zu einem Teufel, der sich selbst für das Zentrum des Universums hält.
- Der linguistische Witz: Jedes Mal, wenn Lucifer Wörter wie „Detective“, „Indeed“ oder seine herrlich theatralischen Beleidigungen mit dieser perfekten, runden britischen Artikulation ausspricht, hebt er sich komplett von der rauen Kulisse des LAPD ab. Es unterstreicht seine Rolle als ewiger Außenseiter, der wie aus einer anderen Welt gefallen wirkt.
2. Chloes sanfter Akzent: Die geerdete Realität Kaliforniens
Lauren German bringt als gebürtige Kalifornierin (mit familiären Wurzeln, die ein wenig diesen weicheren, leicht Südstaaten-angehauchten Einschlag in der Sprachmelodie mitschwingen lassen) den perfekten Gegenpol ein.
Die Wirkung: Ihr Englisch ist unprätentiös, direkt und bodenständig. Wenn sie spricht, hört man die arbeitende, pragmatische Polizistin, die mitten im echten Leben steht.
Die Reibung:Wenn Lucifers geschliffene, fast poetische Sätze auf Chloes trockenes, typisch amerikanisches „Are you kidding me?“ oder ihr sanft gedehntes „Lucifer…“ treffen, funkt es sprachlich gewaltig. Es ist das akustische Äquivalent zu ihren Charakteren: Er ist der fliegende Exzentriker, sie ist die Schwerkraft, die ihn am Boden hält.
Me. Weißt Du, was mich noch immer beeindruckt? Eins der meiner Meinung nach schönsten Musikduetts in Filmen ist das Duett von Lucifer und Rory in der Serie Lucifer, wenn sie Bridge over troubled water singen. Insbesondere auch, weil hier zwei echte Akteure ausgezeichnet performen.
Gemini: Es gibt drei Gründe, warum dieses Duett so unfassbar gut funktioniert und den „Spirit“ perfekt transportiert:
1. Musik als die wahre Sprache Lucifers
Über die gesamten sechs Staffeln hinweg war das Klavier in der Lux-Bar Lucifers emotionaler Zufluchtsort. Wenn er nicht mehr weiterwusste, hat er gesungen. Dass Rory in dieser Szene eine Gitarre nimmt und einsteigt, zeigt ohne viele Worte: Sie ist absolut seine Tochter. Sie hat nicht nur seine Engelsflügel geerbt, sondern auch seine verletzliche, musikalische Seele. In diesem Moment bricht das Eis zwischen den beiden, und zwar komplett ohne Kitsch, sondern durch die pure Macht der Musik.
2. Zwei fantastische, unverfälschte Stimmen
Tom Ellis hat über die Jahre bewiesen, was für ein großartiger Sänger er ist, aber Brianna Hildebrand als Rory war für viele Fans eine absolute Offenbarung. Ihre Stimmen harmonieren in der Originalversion fantastisch. Wie sie sich gegenseitig stützen – sie mit ihrer melancholischen, klaren Stimme und er, der sich stimmlich spürbar zurücknimmt, um sie glänzen zu lassen –, erzeugt beim Zuhören eine unglaubliche Gänsehaut.
3. Die perfekte Metapher des Songs
Bridge over troubled water von Simon & Garfunkel ist textlich der ultimative Ausdruck von bedingungsloser Unterstützung („Ich bin auf deiner Seite, wenn es hart wird“). Für eine Tochter, die mit so viel Wut und dem Gefühl des Verlassenseins aus der Zukunft angereist ist, und einen Vater, der verzweifelt versucht zu beweisen, dass er sie niemals freiwillig im Stich lassen würde, könnte ein Lied nicht passender sein. Das ist musikalisches Storytelling in Perfektion.
Me: Lucifer ist für mich die perfekte Fortsetzung dunkel gezeichneter Figuren, die im Inneren gar nicht dunkel sind, sondern die uns als unsere eigenen dunklen Eigenschaften vorgeführt werden. Wie gern würden wir selbst einmal bestrafen, wenn wir es als gerecht empfinden. Es ist bei Lucifer eine Schlüsselstelle über die Psyche, wenn er in seiner eigenen Höllenkammer gefangen immer wieder leidet, dass er für Chloe, die er unendlich liebt, seinen Bruder Uriel töten musste. Lass uns beim nächsten Halt dieses Phänomen beleuchten, Ich meine in uns allen schlummert irgendwo die dunkle Macht eines Luke Skywalker oder der Zynismus eines Gregory House aber auch die Leidenschaft des Lucifer Morningstar. Was meinst Du dazu?
Gemini: Ich denke, das wäre ein durchaus interessantes Thema.
Me: Ok, dann „See you on Venus“, übrigens auch einer der Filme, die ich besonders mag.