Nachdenken über den Tod

Er ist immer in unserer Nähe, egal ob wir über ihn nachdenken, ihn fürchten oder keine Gedanken an ihn verschwenden. Ganz ehrlich, jeder Erholungsmodus, jeder auch noch so kurze Schlaf besitzt die gleichen Symptome, wie der Tod selbst.

Im Moment des Todes entschwindet unser Bewusstsein, die Aktivität unseres Gehirns verändert sich, als erstes schwinden unsere Sinne, die Umwelt aufzunehmen und zu analysieren, danach erlöschen die Funktionen, die unser Lebenserhaltungssystem steuern, die Atmung, die Verdauung, die Pumpfunktion unseres Herzens. Der fehlende Sauestoff lässt die Zellen in unserem Gehirn, dem größten Energieverbraucher langsam absterben, bis der „Point of no return“ erreicht ist.

Zugegeben, eine schier abstrakt technische Vorstellung, die für uns unbegreiflich ist, da wir es gewohnt sind, uns über unsere Sinne zu definieren. Das ist der Grund, warum wir uns im Innersten vor dem Tod fürchten, der Kontrollverlust, die Angst, die Fähigkeit zu verlieren, unsere Gier nach Reizen zu verlieren.

In verschiedenen Büchern und Filmen wird dieser Kontrollverlust immer wieder aufgenommen. Stanislaw Lem widmet in einer Episode, die danach immer wieder aufgegriffen wurde, dem virtuellen Bewusstsein eine Geschichte. Es ist die Geschichte der Maschine, die in einer vermeintlichen Welt lebt und deren Sinne diese Welt erleben, die auf einem Lochstreifen eingelesen wird. Die Philosophie hat diesen Sachverhalt als „Subjektiven Idealismus“ erfasst. Es ist der Gedanke, dass nichts real, sondern nur im Bewusstsein existiert. Lässt uns das den Gedanken des Todes positiv verarbeiten? Nein. Es bleibt die Angst, von jetzt auf sofort die Fähigkeit zu verlieren, über unsere Sinne zu kommunizieren.

Als ich ein Kind war, erlebte ich den Tod meiner Urgroßeltern als ein schwieriges Ereignis, das meine Eltern mir nicht erklären konnten oder wollten. Die Folge war, dass ich oft ängstlich über den Tod nachdachte. Kein Wunder, als Kind steht man am Beginn eines einzigartigen Konsumrausches, des Rausches unendlich viele Eindrücke des Lebens, Wissen Bilder, Gefühle aufzunehmen und zu speichern. Mit der Jugend und dem jungen Erwachsenensein reduzierte sich das, da ich täglich mit anderen Dingen beschäftigt war, meine eigenen Kinder aufwachsen sah und einen Speicher mit Informationen füttern konnte und weil ich die Möglichkeit hatte, mein erworbenes Wissen anzuwenden.

Nun im fortgeschrittenen Alter, nachdem ich bereits zweimal an der Schwelle des Todes stand, hat sich mein Verhältnis gewandelt. Mir ist bewusst, dass mein Leben urplötzlich enden kann. Es wird ein Hineingleiten sein, ein Ende, dem hoffentlich kein großes Leiden vorangeht. Danach ist nichts, alles was ich erlebt habe, alles was ich gelernt oder entwickelt habe, lebt dann entweder in Anderen als Wissen fort oder ist gemeinsam mit mir ausgelöscht. Keine Sorgen, keine Angst, es bleibt nichts.

Sich darüber im Klaren zu sein, dass es vor und nach uns Leben gibt, an dem wir nicht teilhaben können und müssen, sondern, dass uns eine Zeit gegeben ist, in der wir alles Leben konsumieren können, wissend, dass es ein wohldefiniertes Ende gibt, ist Antrieb, die uns gegebene Zeit zu nutzen. Wenn wir das tun, dann müssen wir keine Angst vor dem Tod haben. Denn wir hatten unsere Zeit.

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