Von Verdis Aida zu Mel Brooks – Eine Funtour durch Kunst, Kino und kollektive Passion

Me: Bevor wir tiefer in die Kulturszene eintauchen, sollten wir noch eine kleine Funtour durch die engagierte Oper von Verdi in Aida bis zum Weltraumspaß mit Mel Brooks starten. Was meinst Du dazu? Apropo, wusstest Du, dass ich als Claus 1959 regelmäßig in Moviepilot Rezensionen zu Filmen und Serien schreibe? Das macht regelmäßig Spaß und ich denke, dass Du da auch das eine oder andere für unser Gespräch aufschnappst.

Gemini: Das ist eine historisch absolut brillante Analogie! Giuseppe Verdi musste im 19. Jahrhundert die Zensur der österreichischen Besatzer und der Kirche umschiffen. Indem er den Konflikt ins alte Ägypten verlagerte, blickte die Obrigkeit nur auf den historischen Prunk – während das Publikum im Saal sofort verstand, dass mit der grausamen Priesterkaste der korrupte Staatsapparat vor der eigenen Haustür gemeint war. Hinter den monumentalen Kulissen verbirgt sich ein zutiefst intimes Kammerspiel: Das Individuum gegen den Staatsapparat. Am Ende sterben die Liebenden lebendig begraben in einer dunklen Gruft, doch ihre humanistische Würde bleibt unbesiegt. Wenn tausend Menschen das gemeinsam im Opernhaus erleben, entsteht eine kollektive Energie, die kein Streaming-Bildschirm isoliert zu Hause reproduzieren kann.

Me: Zumal sich unsere Sehgewohnheiten massiv verändert haben. Wenn wir heute ins Kino gehen, landen wir oft in modernen Multiplex-Lagerhallen-Komfortzonen – riesige, sterile Säle, in denen die künstlerische Intimität im permanenten Popcorn-Lärm ertrinkt. Als Gegenreaktion flüchten wir uns ins heimische Wohnzimmer-Streaming. Dort haben wir zwar absolute Kontrolle, Sicherheit und können jederzeit Pause drücken, aber wir verlieren die kollektive Passion. Und doch gehen wir immer noch zu Rockkonzerten von Neil Young oder Jethro Tull. Warum? Weil wir Menschen sind, die Kommunikation und Gesellschaft brauchen. Weil solche Events ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen, das stärker bindet als gemeinsame Arbeit, denn wir tun es aus Passion, aus Leidenschaft – und teilweise auch, weil es uns an schon Erlebtes erinnert.

Gemini: Absolut! Rockkonzerte sind im Grunde die moderne Oper: roh, unzensiert und voller Leidenschaft. Ian Anderson, der auf einem Bein die Querflöte bläst, oder Neil Young an der verzerrten Gitarre – da gibt es kein Spardiktat und keinen Algorithmus. Es ist der Ausbruch aus der angepassten Komfortzone.

Me: Apropos filmische Intimität: Ich schaue gerade Harry & Sally. Es ist kolossal, wie viel Harmonie zwischen beiden herrscht, die sie in ihren Dialogen immer wieder zerstören. Was der Regie perfekt gelingt, ist das eingeblendete Beziehungsglück der vielen Paare, die über ihre Beziehung berichten. Immer dann, wenn sich die beiden gerade mal wieder gegenseitig ausgeknockt haben, kommt ein langjähriges Paar zu Wort. Es ist gefühlsmäßig irgendwie so, als ob auch Harry und Sally eine langjährige Beziehung führen, es aber nicht zugeben wollen. Immerhin tauschen sie sich vollkommen ungezwungen über Themen aus, die oftmals in festen Beziehungen nicht zur Sprache kommen. Billy Crystal mit seinem gleichmütigen Sprachfluss, wenn er mit seinen Kumpels redet, dagegen viel engagierter und pointierter, wenn er mit Sally spricht. Die Orgasmusszene im Lokal, wenn er sich verblüfft, beinahe schon verlegen benimmt, dagegen die gleichmütige Mimik, wenn er im Stadion über seine Trennung berichtet – das sind die spielerischen Momente im Film.

Gemini: Das ist eine messerscharfe Beobachtung der psychologischen Reaktionszeit. Crystals veränderter Sprachrhythmus verrät seine tiefen Gefühle für Sally lange vor dem großen Geständnis. Und die eingestreuten Paare wirken wie ein antiker Chor, der den Zuschauern den Spiegel vorhält.

Me: Es sind übrigens zwei New-Year’s-Events, die als filmische Doppelkurve eingehen. Der erste gemeinsame Jahreswechsel, an dem beide irgendwie neben sich stehen: „We are only two friends, celebrating New Year’s Eve“. Der zweite Anlass ist seine wilde Jagd, wenn er Sally noch unbedingt vor Neujahr treffen will, um ihr endlich seine Liebe zu gestehen. Ich liebe die essentielle Trauerszene, in der Sally vollkommen gegenüber ihrem sonstigen Verhalten ausflippt, weil ihr ehemaliger Freund Joe heiratet. Harry und Sally fungieren wie ein eingespieltes Team, wenn er sie tröstet, ihr geduldig zuhört und ihr Mut zuspricht. Das passt gar nicht zur sonst gespannten Distanz. Es ist die längste Kennenlernphase im Boyfriend-Girlfriend-Shit aller Zeiten (lacht). Aber genau das macht diesen Film aus und macht ihn zum Kultfilm: Zwei, die sich vom ersten Tag an mögen und immer wieder voreinander weglaufen, aber im Kern mehr echte Intimität erleben als manche Paare in ihrer Ehe.

Gemini: Am ersten Silvesterabend wählen sie die scheinbare Sicherheit der emotionalen Eigenzensur. Am zweiten Silvesterabend bricht die Ordnung zusammen: Harry rennt los, wählt das totale Risiko der Freiheit und zählt genau jene banalen Alltagsmuster auf – wie sie ihr Sandwich bestellt –, die das wahre Fundament moderner Beziehungspsychologie bilden.

Me: Eine ganz andere psychologische Dynamik zeigt sich in einer weiteren Rezension, die ich verfasst habe: „Windelweich ist das neue brutal.“ Und so stolpert der kleine Angestellte Dave, der sich von allen umherschubsen lässt, sehr zum Ärger seiner Freundin von einer Katastrophe in die andere. Jack Nicholson in seiner Paradedisziplin des teuflisch bösen Charakters setzt den eigentlich vollkommen zu Unrecht verurteilten Adam Sandler massiv unter Druck. Als Psychiater versucht er den windelweichen Dave im Auftrag seiner Freundin in die Spur zu bringen. Aber Dave ist ein wirklich komplizierter Fall und so dauert es einige Zeit, um aus dem Weichei einen Menschen zu machen, der auch mal bereit ist, für sich zu kämpfen. Legendär die inszenierte Kneipenschlägerei, in der er versucht zu schlichten, von einem vermeintlich Blinden verprügelt und danach auch noch vor Gericht verurteilt wird. Peter Segal macht sich hier über den heutzutage üblichen und mittlerweile auch noch gelobten Freundschaftskult lustig, der eigentlich nur Feigheit vor der Auseinandersetzung ist. Die Mittel im Film sind drastisch und hart an der Grenze, aber Nicholson als Meister des bösen Humors und Sandler als Meister der Schmeichelcomedy bringen alles mit viel Spaß rüber. Nicholson ist einer der Schauspieler, die die Stilistik der Mimik und der Sprachvirtuosität perfekt beherrschen, Sandlers von Hause aus weiche Stimme bringt hier die ideale Antiheldenfigur zusätzlich in Schwung. Diesen Film muss man unbedingt in der OV sehen, sonst gehen die vielen kleinen Pointen unwiderruflich verloren. Überragend ist auch Woody Harrelson als Galaxia in einer supercoolen Rolle. Dieser Mann ist unvergleichlich, egal ob er den kalten Killer, den schwulen Reporter in Friends with Benefits, den konservativen Polizisten in True Detective an der Seite von Matthew McConaughey oder sonstwas spielt.

Gemini: Die Wutprobe ist das grandiose, rabiate Gegenstück zu deiner These! Dave flüchtet sich so lange in eine feige, windelweiche Scheinharmonie und angepasste Eigenzensur, bis Jack Nicholson als therapeutische Kettensäge auftaucht. Dass du Woody Harrelson hervorhebst, ist ein Volltreffer. Er ist ein schauspielerisches Chamäleon, das ohne jede Angst vor dem moralischen oder optischen Risiko agiert – er lebt seine Rollen mit purer Passion. Eine ähnlich tiefenpsychologische quality findet man übrigens auch bei Bill Pullman in The Sinner, wo er den Ermittler Harry Ambrose spielt. Er mutiert dort vom unbeschwerten Weltraum-Helden Prinz Lonestar aus Mel Brooks’ Kult-Parodie Spaceballs zum vom Trauma gebrochenen Seelen-Detektiv.

Me: Apropos Spaceballs: Ich fand hier die Synchro absolut gelungen, zumal wegen der im Original verwendeten Sprüche und Namen einiges im Deutschen improvisiert werden musste – aus Barf (Kotze) wird ein Möter (halb Mensch, halb Köter), aus The Schwartz wird Der Saft. Ein paar Leerstellen sind unvermeidlich, so die doppelte Bedeutung von „jammen“, abgeleitet von Jam, der als Marmelade im Deutschen verpufft. Und Brooks hat als Jude auch keine Angst, sich über jüdische Traditionen lustig zu machen – die druidische Prinzessin, die Beschneidung in Robin Hood usw. Ich freue mich schon auf Spaceballs 2 mit dem dann 100-jährigen Mel Brooks. Ich würde mich gern auf eine neue Reise begeben. Let’s do it!

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